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// BAMMEL VOR DEM BALLERMANN
RHEINISCHER MERKUR - 2007
Konsequent, dieser Wilhelm Loth! Er ist Kurdirektor auf Norderney, einer mit jahrelanger Erfahrung, und daraus bezieht er seine Perspektive. "Wer will sich denn an die Fähre stellen und sagen: Du bist uns jetzt aber nicht willkommen!" Den Vorwurf, die Insel werde seit Jahrzehnten im Herbst schonungslos an den "Club-Tourismus" verhökert, kennt er zur Genüge. "Das ist nichts, was wir als öffentliche Hand respektive Kurverwaltung fördern", stellt er klar. Wenn es nur so einfach wäre.
Inselurlaub im Spätherbst. Das bedeutet Inselregen. Und der kommt senkrecht und stark wie aus einer großen Dusche. Der Norderneyer sagt dazu "gesundes Wetter", im Unterschied zum "schönen Wetter". Das lernt der Urlauber schnell, wenn er keinen "Ostfriesennerz" dabeihat, kein Ölzeug. Von den sieben Ostfriesischen Inseln ist Norderney die "urbanste". Die Fans sagen natürlich: die schönste. Auf jeden Fall ist das Eiland die einzige Insel, die eine "Skyline" hat.
Von der Fähre "Frisia IV" aus sind die Appartmenthochhäuser und Monsterkliniken aus den 70er Jahren schon von weitem zu erkennen. Erst später nimmt das Auge dazwischen die weiß getünchten klassizistischen Repräsentationsbauten wahr, die wie Spielzeughäuser wirken. Genau diese Mischung ist das Typische für Norderney auch im 210. Jahr als ältestes deutsches Staatsbad an der Nordseeküste: Alte Eleganz und Bausünden stehen nebeneinander. Das eine ist Stahlbeton gewordenes Symbol für die Geldsucht der Insulaner und den Druck der Investoren, die auch hier gute Anlagemöglichkeiten sehen. Das andere steht für die Tradition des einstmals königlichen Seebades.
Heute Eleganz auf Norderney zu finden ist schwierig, dabei war Eleganz hier einmal ein Stil, der das Inselgefühl der Urlaubenden aus dem Königreich Hannover und aus dem preußischen Berlin bei ihrer Sommerfrische geprägt hat. Zu Zeiten des "Clubtourismus" zwischen Mitte September und Anfang November jedoch, wenn hier bis zu 55 000 Menschen zu Gast bei 6100 Einheimischen sind, ist davon wenig zu spüren.
"Wir meiden möglichst das Stadtzentrum"
Brigitte Jansen, seit 20 Jahren Wattführerin auf Norderney, weiß in diesen Wochen nur ein Überlebensrezept im Inselalltag: "Wir nutzen Nebenstraßen, wenn wir in den Ort müssen, und meiden möglichst das Stadtzentrum." Strategien einer Art Hassliebe zu einer bestimmten Urlauberklientel, deren Geld die Einheimischen für Festlandsverhältnisse recht wohlhabend gemacht hat - und die ihnen ihren "Lebensstil" aufdrücken oder auch zu Urlaubern, die auf der Insel bleiben und als Glücksritter und in der Gastronomie oder als Dienstleister ihr Heil suchen.
Viele Norderneyer haben Bammel vor dem Ballermann wie auf Mallorca, eine unausgesprochene Furcht vor ähnlichen Verhältnissen. Im alltäglichen Umgang sind sie eher reserviert, kurz angebunden, jeder hat sich eine Minimalkonversation angewöhnt, mit der er den immer gleichen Fragen der Gäste begegnen kann.
Schön - und schön kompliziert: Norderney und die Zielkonflikte im Tourismus
Für den obersten Touristiker Wilhelm Loth ist das alles zwar verständlich, aber "entweder leben wir davon, und wir müssen es in Kauf nehmen, oder wir leben eben nicht davon. Das ist auch so ein bisschen die Zwiespältigkeit der Diskussion hier auf der Insel. Der Cluburlauber ist für viele zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden. Das dient zur erheblichen Saisonverlängerung. Früher wurde auf Norderney doch schon im September der Bürgersteig hochgeklappt."
Die Konsequenz der verlängerten Herbstsaison: Im Stadtkern, vor dem Treffpunkt der nordrhein-westfälischen und niedersächsischen Spaßfraktionen, dem Inselhotel König, wird es vom Nachmittag an krass. Das Stadtzentrum von Norderney ist komplett von trinkenden, grölenden Menschenmassen blockiert. Das Rauchverbot in Niedersachsens Kneipen tut ein Übriges, die Freunde und Freundinnen des teuren Premium Pils auf die Straße zu treiben.
Dem kann sich abends nur entziehen, wer die wenigen "No-go-Areas" für Cluburlauber in der Inselgastronomie kennt oder das sprichwörtliche "gute Buch" zur Lektüre auf dem Gästezimmer zur Hand hat. Tagsüber bietet die Insel genügend schöne Natur, Wind, Wellen und Strand, um abzuschalten. Ein Spannungsverhältnis, das gerade in diesem Jahr besonders deutlich wird. Soeben wurde die 2001 begonnene Sanierung und der Ausbau des Deckwerks zwischen West- und Nordwestteil der Insel abgeschlossen. Rund 30 Millionen der insgesamt 39,5 Millionen Euro teuren Maßnahme zum Inselschutz hat allein die EU an Fördermitteln bereitgestellt.
39,5 Millionen Euro für den Inselschutz
Inselschutz ist schließlich Küstenschutz. Speziell die Promenade zwischen Westbad und "Milchbude" wurde aufwändig neu gestaltet: Natursteine wie Granit und Sandstein sowie farblich dem Sand des Strandes angeglichene Betonsteine und Klinker wurden auf einer Länge von mehr als zwei Kilometern verbaut, um der Insel ein neues, schickes Aushängeschild zu verpassen.
Warum das nötig war, darüber kann Gerhard Fröhlich Auskunft geben. Der 76-Jährige ist Ehrenbrandmeister der Insel. Familie Fröhlich vermietet in zweiter Generation seit 1964 Unterkünfte an die Inselurlauber im jetzt ehemaligen Kaufladen und Wohnhaus. Nach mehreren Schlaganfällen kann Fröhlich sich nur noch schlecht bewegen, doch die paar Meter zum Strandkorb im Hof vor seinem Haus schafft er, so gut es geht und so oft wie möglich. Dort freut er sich auf jeden kleinen Plausch beim Gläschen Wein, und wenn man ihn reden lässt, wird der Nachmittag kurz.
Zur 39,5-Millionen-Investition in den Inselschutz ist sein Kommentar insulanertypisch kurz: "Ich hab schon im Wasser gestanden und Sandsäcke geschichtet, um eine Überflutung der Stadt zu verhindern." Den langjährigen Stadtrat Fröhlich zur aktuellen Kommunalpolitik zu fragen ist auch keine schlechte Idee. Sein Fazit lautet: "Denen geht es nur ums Geld." Gibt es Beispiele für die gemeinte Maßlosigkeit? Beim jüngst durch einen Bürgerentscheid verhinderten Bau eines Fünf-Sterne-Hotels am ehemaligen "Conversationshaus" hat die Stadt wohl den Willen der Insulaner falsch eingeschätzt und muss nun eine halbe Million Euro vom ehemaligen Investor irgendwie zurückbekommen.
Qualitätsoffensive und Club-Tourismus
Opa Fröhlich in seinem Strandkorb sagt: "Doch jetzt bereuen einige es schon, dass nichts draus geworden ist." Eine Schlappe auf der Etappe, doch keine Niederlage. Denn bis 2008 werden auf der Insel insgesamt 49,9 Millionen Euro allein in städtische Bauvorhaben investiert worden sein. Das historische Kurensemble wird dann eine "Leuchtturmfunktion" für die "Qualitätsoffensive" haben, die Stadt und Kurverwaltung ausgerufen haben. Kurdirektor Loth: "Ich weiß nicht, ob wir uns durch eine Qualitätsoffensive ein neues Image verschaffen müssen. Ich glaube, dass wir ohnehin ein recht gutes Image haben. Wir haben aber auch gemerkt, dass das Anspruchsdenken im Allgemeinen steigt, und hier muss man Schritt halten. Die Konkurrenz schläft ja auch nicht."
Von privater Seite wird diese kommunale Strategie unterstützt und hat durch den 40-jährigen Ralf Taprogge aus Münster auch ein publizistisches Organ gefunden. "ferien.ahoi Norderney" heißt das erste cool aufgemachte Servicemagazin auf einer Ostfriesischen Insel. Der Jungverleger meint: "Wir unterstützen die Bemühungen um mehr Qualität und Service von unten. Das heißt, wir stellen die renovierten oder neu gebauten Restaurants, Cafés und Geschäfte auf Norderney vor." Taprogge glaubt, "je mehr wir in Qualität investieren, umso eher wird sich auch die Urlauberstruktur auf Norderney verändern, weg vom Club-Tourismus".
Norderneys Kurdirektor Loth im Interview:
"Den Clubtourismus positivieren"
//Mehr (Browserfenster) - Interview 2007
Das allerdings sieht Kurdirektor Loth anders. Er glaubt, dass nichts länger hält als eine Tradition, und empfiehlt seinerseits neues Denken: "Man sollte überlegen, das Thema Club-Tourismus positiver darzustellen. Dass man sich eben darauf einlässt, das Ganze aber koordiniert und dadurch auch wieder in einen Rahmen bringt. Das ist sicher eine Herausforderung. Das heißt, gezielte Angebote, wo die Leute zusammengeführt werden, um vielleicht auch den Lärm zu bestimmten Zeiten aus den Straßen herauszuhalten. Die Auswüchse müssen wir schon in den Griff bekommen. Vom ‚Ballermann' sind wir aber noch um einiges entfernt."
Sogar sehr weit, wenn sich der Urlauber auf den Viereinhalb-Stunden-Weg zum Inselende macht. Dort liegt seit 1967 das Wrack eines havarierten Motorschiffs. Wenige Meter entfernt verläuft der Schutzzaun der "Ruhezone" im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Keine fünfzig Meter weiter, auf der anderen Seite, ist die Seehundbank von Norderney, und in nur rund 700 Meter Entfernung liegt Baltrum. Bei klarem Wetter sieht man dort die Inselurlauber auf der kleinen Promenade spazieren.
Der schönste Strand auf Norderney ist hier, und oft ist er nahezu menschenleer. Die See rauscht, und wenn dann die Sonne herauskommt, der Himmel blau ist und aus dem Wasser nahe am Ufer Seehunde neugierig herüberglotzen, dann ist Norderney selbst im Spätherbst wie immer die "Schöne".
Bildnachweise: Universität Münster, Norderney-Ferienwohnungen.org
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