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Der Teilungsplan von 1951
  Gemeindewaldungen
    Waldungen der Waldgenossenschaft
    Ehemals Heilscher Alpbesitz mit Gerstruben
    Weide und Ödland Verein der Ehemaligen Rechtler
    Bauland der Gemeinde Oberstdorf
// DIE RECHTLER VON OBERSTDORF
FRANKENPOST, BAYERNKURIER - 2002
"Das ist die Kraft der Einheimischen!" Eduard Geyer, der nach 30 Jahren als Bürgermeister von Oberstdorf im Oberallgäu zur Kommunalwahl 2002 nicht mehr antritt, lehnt sich in seinem Stuhl im Amtszimmer kurz zurück. Drei Jahrzehnte lang hat er die Geschicke im 11.000 Einwohner und rund 18.000 Fremdenbetten zählenden berühmten Kurort mitgestaltet. Gemeinderäte hat er kommen und gehen sehen, den Ort im Kern autofrei gemacht, Pläne angeschoben, verworfen, sich Streit eingehandelt, den Bayerischen Landesrechnungshof gegen sich aufgebracht - doch die "Rechtler" blieben. "Die sind hier die zweite Kammer, so etwas wie der Bundesrat", sagt der Bürgermeister. Es gebe zwei Arten der politischen Kontrolle durch die Bürger von Oberstdorf, so Geyer am Ende einer langen Dienstzeit: Durch die Kommunalwahlen alle sechs Jahre. Und durch die "Rechtler" - täglich.
Die Rechtler" - eine Recherche in das vormoderne Bayern, noch ohne "Laptop und Lederhose", als die Dinge und Angelegenheiten auf den Dörfern von den Einheimischen - in der Regel Landwirte - ausgehandelt und beschlossen wurden. "Rechtler" - das waren die alten Bauernfamilien, die das Recht der Nutzung der gemeinsamen "Allmende", dem Grundbesitz an Weiden und Wälder einte - in einer basisdemokratischen Verfasstheit. Wie auf einem Flickenteppich weisen die im World Wide Web gespeisten Dokumente "Rechtler" nach. Ob an der fränkischen Saale, oder in Ober- oder Niederbayern. Oft heisst es dann auf den Internetseiten, sie seien irgendwann ausgekauft worden, ausgestorben. Man hat ihnen mancherorts ein Denkmal gesetzt, sie in den Ortschroniken aufgeführt. Wo sie nicht Geschichte geworden sind, geben sie heute oft ihre Hektar her für die Ausweisung von Baugrund oder den Bau der Feuerwehrhalle. Eine wichtige politische Rolle wird ihnen nirgendwo im Internet zugewiesen.
"Jerglers Leo", wie Leo Huber mit seinem aus dem 18. Jahrhundert stammenden Hausnamen eigentlich heisst, bittet in die Stube seines Holzhauses in der Oberstdorfer Blumengasse. Der 50-Jährige ist seit 1996 Vorsitzender des "Vereins der ehemaligen Rechtler", heute eine Art Genossenschaft. Ein gemütlicher sympathisch wirkender Zeitgenosse, Landwirt und per Amt einer der wichtigsten Männer von Oberstdorf. Auch "Jerglers Leo" kann die Geschichte erzählen: Damals, Mitte der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts seien die Häuser im Markt Oberstdorf gezählt worden. Die halben und gebrochenen Hausnummern habe man weggelassen. Die Anwesen 1 bis 1 1/35 - wer will nicht gerne die Nummer 1 sein am Platze - nun leider wurden sie ignoriert, zahlentechnisch gesehen. Jedes der 308 verbliebenen Häuser bekam eine Nummer, das vom "Jerglers Leo" die 285. Und auf die Häuser, nicht die Familien, die darin lebten, wurden dann die von alters her tradierten "Rechte" verteilt. Zum Beispiel das an Holz aus dem "Allmende"-Wald, an der Nutzung der Weiden und Alpen für das Vieh und anderes mehr. Maximal fünf solcher Rechte erhielt jedes Haus. Festgeschrieben, verbrieft, vererbbar, unverkäuflich an Nicht-"Rechtler". Heute sind die 327 Rechte auf 270 Personen aufgeteilt.
"Enteignen können Sie natürlich nicht,
wenn Sie einen Golfplatz bauen wollen"
Das war so in weiten Teilen des Allgäu üblich. Doch mit der Einverleibung des Landstrichs zwischen Füssen und Weiler im Westallgäu in den Freistaat Bayern, mit Verordnungen 1808 und 1818, der Ablösung der alten Gemeinde der Dörfler durch die Politische Gemeinde, wurden die historischen Rechte oft verkauft, eingetauscht oder erloschen. Unruhen und Unzufriedenheit habe es seitdem in Oberstdorf unter den Einheimischen gegeben, welches Recht nun der Politischen Gemeinde sei, welches den Einheimischen, weiss der Leiter des Oberstdorfer Heimatmuseums und Ortschronist Eugen Thomma. Nachdem sich das Ganze nach Ende des Zweiten Weltkrieges zuspitzte kam es am 27. Oktober 1951 zu einem Teilungsvertrag. Der "Marktgemeinde Oberstdorf" wurden 1200 Hektar Land in der Ebene zugewiesen. Für die Ansiedlung von Gewerbe und Handel, für den Bau von Wohnungen, Hotels, Pensionen. 1700 Hektar gingen zu den "Rechtlern" über, "Weiden, Bergwälder und Ödungen", wie es in der Vertragsurkunde heißt. Es wird eine salomonische Lösung gewesen sein, die der legendäre damalige Rechtlervorsitzende Anton Berktold ausgearbeitet hatte. "Der Berktold war aber ein rechtes Schlitzohr, bauernschlau", so Thomma, und so bleibt wohl auf ewig ungeklärt, wer damals wen tatsächlich über den Tisch gezogen hat.
Vielleicht doch der spätere Träger des Bundesverdienstkreuzes, des bayerischen Verdienstordens und Ehrenbürger Oberstdorfs sein politisches Gegenüber. Denn der langjährige "Holzwart" der Gemeinde, der "hier jeden Baum und Strauch kannte", so Leo Huber, bewies aus heutiger Sicht Weitblick. Die Teilung von Grund und Boden bescherte Oberstdorf die Option zur Entwicklung zum Tourismuszentrum. Immer wieder gab die Marktgemeinde über die Jahrzehnte Hektar für Bauvorhaben her. Die "Rechtler" hatten und haben dagegen eine andere Strategie: "Wir verkaufen erst einmal nicht. Wir tauschen oder verpachten", so Geschäftsführer Albert Titscher ("Michelars Albert", Haus Nummer 63).
Es war Weitblick und eine Fügung des Schicksals, dass sich das vermeintliche Weide- und Ödland im Osten und Südosten Oberstdorfs, in den Seitentälern oder an den Berghängen, angesichts der Expansionspläne der Marktgemeinde in den vergangenen 50 Jahren als wertvolles Kapital in mehrfacher Hinsicht erwies - dessen Wert heute leicht auf mehrere 100 Millionen Euro geschätzt werden kann. Ob der Bau des Eisstadions, der Ausbau des berühmten Schattenberg-Skisprungstadions, das Wasserkraftwerk Warmatsgund - immer wieder stießen Bürgermeister Geyer oder seine Vorgänger auf "Rechtler"-Grund und Mitbestimmungsrechte: "Enteignen können Sie natürlich nicht, wenn Sie, sagen wir, einen Golfplatz bauen wollen", so Geyer.
So wurde die Teilung von 1951 über die Jahrzehnte für die einen mal zum Ärgernis, für die Anderen zum Segen. Ohne die "Rechtler" hätte es die "massvolle und behutsame" (Huber) Entwicklung Oberstdorfs zum Tourismuszentrum nicht gebeben. Ohne den Widerstand der Genossen wären mit Sicherheit Teile des Ortes - heute die nach München mit 23.000 Hektar zweitgrößte Flächengemeinde Bayerns - an Spekulanten und Investoren ausverkauft worden. Und es ist fraglich, ob die berühmte abgerundete Silhouette der Marktgemeinde vor dem Hauptkamm des Allgäuer Alpenmassivs so ihren ganzen Reiz bewahrt hätte.
Eine ideelle Verpflichtung -
und knallharter politischer Pragmatismus.
Doch natürlich haben sich die "Rechtler" nicht immer quergestellt. Gegen guten Grundstückstausch wurde die Zufahrt zur neuen Fellhornbahn 1972 möglich, und der vergrößerte Auslauf der bekannten Skiflugschanze im Stillachtal zwecks Weltrekordjagd beim Sprung durch die Lüfte war auch genehm. Fast 200 Kilometer Spazier- und Wanderwege, der Großteil der Langlaufloipen und Skiabfahrten gehen über "Rechtler"-Grund. Als eine große Zufahrt zur Nebelhornbahn quer durch den Osten Oberstdorfs geplant wurde, hieß es Mitte der 90er Jahre aber genauso kompromisslos "Nein!", wie im vergangenen Herbst beim Plan, das Langlaufstadion zur Nordischen Skiweltmeisterschaft 2005 unmittelbar am Ortsrand zu bauen. Man brauche den Grund als Vorweide für das Vieh verlautete aus dem kleinen Büro der Wald- und Weidegenossenschaft. Die Gemeinde fand eine Alternative gut zwei Kilometer weiter weg.
"Unsere Verpflichtung ist es, das Erbe zu erhalten", sagt "Jerglers Leo". Eine ideelle Verpflichtung. Dass dazu knallharter politischer Pragmatismus kommen muss, muss er nicht erwähnen. Mit beidem stehen die "Rechtler" für gesunden Wertkonservativismus - dabei dachten sie an den Erhalt der Heimat, Traditionen und Denkmalschutz schon lange bevor es diese Begriffe in ihrer heutigen Bedeutung gab.
Der Weiler Gerstruben: Nagelprobe für das Selbstverständnis
der Rechtler von Oberstdorf.
Der Weg nach Gerstruben auf 1155 Metern Höhe über den Hölltobel zieht sich steil und lang. Guten Gewissens behaupten nicht nur Oberstdorfer, dass der urkundlich erstmals 1059 erwähnte Weiler unterhalb des Edelweissberges Höfats eine der schönsten Ecken des Allgäus ist. Um die "Rechtler" zu verstehen - nicht nur wegen des vorzüglichen Kaiserschmarrn im Gasthof - lohnt sich der Gang zu den sechs erhaltenen in gestrickter Bauweise vor rund 250 Jahren erbauten Holzhäusern. Mit der Rettung von Gerstruben haben die "Rechtler" am sinnfälligsten bewiesen, wes Geistes Kind sie sind.
1892 sollte das heute unter Denkmalschutz stehende Ensemble erstmals verkauft werden. "Drei Kemptener Geschäftsleute planten, das ganze Gerstrubener Tal mitsamt den Höfen und Häusern zu fluten und dort einen Staudamm für ein Kraftwerk zu bauen", so Anton Köcheler ("Lonzars Done, Haus Nummer 289), der Führungen durch den Weiler leitet. Es sei nicht so weit gekommen, so der 75-jährige, "weil die Leute im Tal von dem Teufelszeug Elektrizität nichts wissen wollten" und kein Interesse an den angebotenen Anteilscheinen für das neue E-Werk zeigten. Die Investoren hatten verstanden und verkauften das 2419 Hektar große Areal mit Häusern, Höfen, Weiden und "Ödland" drei Jahre später an den Freiherren von Heyl zu Herrnsheim. Der erhielt die Gehöfte nur, lediglich in der Jagdhütte wurde dem freiherrlichen Waidmann ein modernisiertes Heim hergerichtet. Gerstruben: Eine Luxus-Sommerfrische, ein Jagdvergnügen. Doch der Freiherr starb und seine Witwe zeigte wenig Interesse an dem riesigen Besitz.
Das war 1953, und erneut stand der Verkauf des Hochtales an. Ein Kölner Geschäftsmann habe damals den Bau einer Sesselbahn geplant, so Köcheler, "was ihm übrigens wenig gebracht hätte, denn für den Wintersport ist der altbekannte Lawinenstrich Gerstruben viel zu unsicher". Für die "Rechtler" war der drohende Verkauf die Gretchenfrage. Sie machten ein Angebot: "Damals hat jeder der kleinen Bauern 1000 Mark für den Kauf von Gerstruben zum Preis von 700.000 Mark aufgebracht", so Heimatforscher Eugen Thomma.
"Ich hoffe, dass wir die Idee der ‚Rechtler'
ins 21. Jahrhundert retten können"
In solchen Größenordnungen hat der Verein seitdem nicht mehr investiert. Man hat noch einmal Geld für weiteren kleineren Grunderwerb ausgegeben. Man hat andererseits Einnahmen aus Pacht und Land- wie Viehwirtschaft des heute 4934 Hektar großen Besitzes. Die "Rechtler" sind in einer der teuersten Wohn- und Baugegenden Deutschlands der größte Grundbesitzer. Doch die Einnahmen werden nicht bis auf den letzten Heller an die heute 270 Mitglieder ausgeschüttet, sondern im Wesentlichen für den Erhalt und die Pflege der Heimat ausgegeben. Bei der alljährlichen Generalversammlung gibt es ganze 80 Euro pro Genossenschaftsanteil an die Inhaber.
Konnte man ihnen trotzdem lange Zeit nachsagen, bei allen Verdiensten eher passiver Wahrer und Erhalter zu sein, blickt die Gemeinschaft der 270 seit einigen Jahren bei Investitionen bewusst nach vorne. Verfallene Alphütten wurden in den vergangenen zwei Jahren restauriert oder neugebaut, in Gerstruben will man ein kleines Museum in einem der alten Häuser eröffnen. Und eine der ältesten Touristenattraktionen des seit 1937 "Heilklimatischen Kurortes" Oberstdorf hat man im November des vergangenen Jahres zu neuem Leben erweckt. In der Gemarkung "Hoffmannsruh" rund um das erste Freibad, den "Moorweiher", wurde der dichte verwilderte Wald ausgeforstet, die historischen Sichtschneisen auf Oberstdorf freigelegt. Seitdem könne man, glaubt "Jerglers Leo", von der "Hoffmannsruh" wieder die "traumhaftesten Sonnenuntergänge" über Oberstdorf erleben. Man habe, meint der Vorsitzende dann noch in der gemütlichen Stube, "in der Vergangenheit wenig falsch gemacht". Nur das Schattenbergstadion, Ort des Eröffnungsspringens der alljährlichen Vier-Schanzen-Tournee, "das hätten wir damals doch besser weiter nach draussen hinter den Ort gelegt". Das war 1925. Und wer konnte schon ahnen, welche Zuschauermassen das "Hupfen" vom Berg einmal anlocken würde.
"Ich habe die Hoffnung, dass wir die Idee der ‚Rechtler' ins 21. Jahrhundert retten können", gibt Leo Huber zum Abschied an der Eingangstür von Haus Nummer 285 in der Oberstdorfer Blumengasse mit auf den Weg. Selbstverständlich ist das nicht. Nicht wenige der älteren "Rechtler" haben wohlweislich testamentarisch verfügt, dass der historische Anteil an der "Allmende" niemals verkauft werden darf. Auch in Notzeiten nicht.
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