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// TAIPEI 101
SÄCHSISCHE ZEITUNG, FRANKENPOST, EMDER ZEITUNG, FASSADE - 2004
Das Unangenehmste an einer Achterbahnfahrt ist ja die Auffahrt der mehr oder weniger nach allen Seiten offenen kleinen Bahnwagen, in denen die Abenteuerlustigen sitzen. Man wartet auf diesen Schreckmoment, bevor sich der ganze Zug scheinbar ins Nichts und dann den einen oder anderen Looping stürzt. Und während man wartet geht es immer höher und höher und höher.
So ähnlich ist das Gefühl an jenem diesigen Vormittag des 12.11. 2003 als es mit dem Alimak-Bauaufzug außen entlang der grün-blau schimmernden Isolierglasfenster der gestaffelt konvex gewölbten Aluminium-Stahl-Fassade des "Taipei 101" in die Höhe geht. Die Kabine ist vergittert, und so hat man einen ungehinderten Blick nach unten. Und da wird Taipei, die 2,7 Millionen Einwohner zählende Hauptstadt Taiwans, der Insel vor der südchinesischen Küste, langsam immer kleiner. Ein Hochhaus nach dem Anderen wird überstiegen, und es geht immer noch aufwärts. Erste Wolkenfelder versperren jetzt den Blick, der nun keinen Halt mehr findet.
Auf rund 430 Metern Höhe, oberhalb zum Beispiel des South-East Towers des International Financial Centers von Hong Kong (420 Meter) oder des Jin Mao Buildings in Shanghai (420,5 Meter) ist dann doch erst einmal Schluss. Mit einem ratternden Quietschen wird das Gitter an der Ausstiegseite hochgeschoben, fast unmerklich überschreitet man eine knapp 10 Zentimeter breite Luftfuge zwischen Aufzug und Bauwerk und betritt dann den sicheren Betongrund der Aussichtsplattform im 89. Stock von Taipei 101.
So heißt der Büroturm des künftigen "World Financial Center" von Taipei. Und heute, an diesem 12. im 11. 2003 wird hier mit einem Geknatter von China-Krachern nicht verspätet der Karneval eröffnet, sondern von der auf solche kleine Dankesgaben an die Götter größten Wert legenden internationalen Bauarbeiterschaft die Einsetzung des letzten Fassadenelements per Kran auf den 101. Stock des mit 508 Metern neuen höchsten Wohngebäudes der Welt gefeiert.
660 Tonnen-Stahlkugel als Schwingungsdämpfer
Und weil der 101. Stock eben noch ein wenig höher als der 89. ist, geht es zum Ort des denkwürdigen Geschehens wieder weiter hinauf. Durch erst im Rohbau fertige Treppenhäuser im Innern der hier bis auf den 101. Stock rund 35 Meter hoch aufragenden schmalen stilisierten Pagode, in der oberhalb eines neuen "Window of the World-Restaurant" weitere Büroetagen vorgesehen sind.
Aufstieg zunächst vorbei an einer spektakulären 660 Tonnen schweren Stahlkugel, aufgehängt an mannsdicken Stahlseilen. Hier wo vielleicht in einem gotischen Münster die Glocken hängen würden, dient die gewölbte Großform dieser technischen Riesenkathedrale dazu, künftige Schwankungen des Turms von bis zu 130 Zentimetern auszugleichen. Jedes Geräusch dabei dürfte wohl eher als furchterregender Höllenlärm wahrgenommen werden.
Und dann erneut der Tritt ins Freie. Der Wind zieht unangenehm, die hier oben schmale Brüstung ist vielleicht drei Meter entfernt, bevor es hinunter geht. Aus verkniffenen Blick nimmt man unscharf die Konturen des Beckens von Taipei irgendwo in der Tiefe am Fuße dieses Beton-Mittelgebirges wahr.
Die Spezialisten mit den Schweißgeräten, durch dicke Seile an einem umlaufenden zentimeterdicken Stahldraht gesichert, die da am Rand ihre Arbeit tun, stört das alles wenig. Ruhig ziehen sie vom Ausleger des Krans den 1,50 Meter breiten und 4,10 Meter hohen Rahmen aus Aluminium-Stahl und Isolierglas zu sich hinüber und hängen ihn in die eingeschweißte Konsole, die an der Geschossdecke befestigt ist, ein.
Schon hier, auf dem Dach des namengebenden 101. Stockwerkes, würde man auf die Antennenspitze des bisherigen höchsten Hauses der Welt, den Petronas Towers in Kuala Lumpur, spucken können. Später, wenn nach den Innenausbauten auch der Antennenmast von Taipei 101 begehbar sein wird, könnte man nun tatsächlich bis auf 508 Meter, den neuen Rekord, weiter steigen. Die Begehbarkeit der Spitze ist übrigens Voraussetzung für die internationale Anerkennung der Gebäudehöhe.
Am Morgen dieses Tages, an dem hier oben für vielleicht ein halbes Dutzend Jahre ein neuer Weltrekord aufgestellt wurde, hatte tief unten im Südosten von Taipei die Erde gebebt. Wie ein vernehmliches leises Grummeln der Götter über die Maßlosigkeit des Vorhabens hatten die Experten der Beobachtungsstationen für circa drei Sekunden kurz nach acht Uhr einen Wert von knapp 2 auf der Richter-Skala abgelesen. Grund für die Unruhe tief unten in der Erde ist die unter Seismologen bekannte "Taipei-Störung", die allerdings nach den Computerberechnungen und Simulationen nur alle 2400 Jahre aktiv wird. Nur - hoffentlich wissen das auch die Erdbeben.
20 Meter hohe Fundamente
Im Büro der Josef Gartner GmbH, im 27. Stock des Turms, hatte das leichte Zittern nicht zu irgendeiner Hektik geführt. Die mittelständische Firma (weltweit rund 1250 Mitarbeiter) aus dem bayerischen Gundelfingen gilt als die weltweit führende Fassaden-Manufaktur, und hatte den Zuschlag für den rund 95-Millionen-Euro-Auftrag bekommen. "Dieses Gebäude wird das letzte sein, das bei einem Beben in Taipei umfällt", ist sich Stephan Eberle sicher. Der 35-Jährige ist leitender Techniker für die Fassadenkonstruktion und Herr über 18.000 Bauzeichnungen, deren genaue Umsetzung am Turm durch die 280 international bunt gewürfelten Gartner-Spezialisten er in den vergangenen zwei Jahren koordiniert hat.
Architekt C.P. Wang von C.Y. Lee & Partners aus Taipei, die den Turm geplant haben, erläutert warum: Neben den 20 Meter hohen Fundamenten, die auf 550 bis zu 80 Meter tiefen Pfählen ruhen, sind alle acht Stockwerke des Turms durch Stahlbetonstreben verstärkt, der Beton wiederum ist spezial gehärtet...
Es ist ein Zynismus - aber bei einem 5,7 auf der Richter-Skala starken Beben Ostern 2002 blieb der Turm stehen. Zwei Baukräne hielten jedoch nicht stand, stürzten hinab. Und fünf Bauarbeiter fanden den Tod.
So bereiteten den Spezialisten des 1868 als kleiner Metallbauer in Gundelfingen gegründeten Familienbetriebes die starken Taifune, die das Becken von Taipei regelmäßig heimsuchen, mehr Kopfzerbrechen. Bei solchen Planungsfragen schmeißen sie im beschaulichen Bayern dann auch den 2200 PS-starken Flugzeugmotor an. Am Ende der verschiedenen Windlasttests war die Fassade von Taipei auf einen Druck von einer Tonne pro Quadratmeter ausgelegt. Was dem Gewicht eines Kleinwagens entspricht, und in etwa achtmal so viel ist wie der Referenzwert eines vergleichbaren Baus in Deutschland.
Was in Gundelfingen entwickelt wurde musste dann eigentlich nur noch in die Song Zhi Road von Taipei gebracht werden. Wie in andern Fällen wurde ein Teil der Fassadenelemente per Schiff ins Südchinesische Meer geliefert. Doch angesichts der schieren Materialmenge für den Büroturm und die bezogen auf die verschiedenen Profile wesentlich kompliziertere Verkleidung des beigestellten 60 Meter hohen "Podiums", Taiwans erster Internationaler Shopping Mall, "mussten wir noch zusätzlicher Kapazitäten in Mittelasien schaffen", so Klaus Lother, Leiter der Abteilung Fassaden Ausland von Gartner. Nebenbei bemerkt, hatte der verantwortliche Generalunternehmer das Spezialglas in den USA eingekauft, so dass aus fast allen Erdteilen für den Turmbau zu Taipei geliefert wurde.
Feng-Shui korrekt
Nun muss man wissen, dass die Baustelle zwischen vier verkehrsreichen Straßen eingezwängt ist. Eine Zwischenlagerung am Fuße des Turms schied also aus. Das hieß auch für Gartner: Anlieferung auf dem Tieflader just in time. Alle drei Tage im schnitt 125 Elemente für die Verkleidung eins der 101 Stockwerke. Trotzdem war Gartner mit dem Einbringen von 120.000 Quadratmeter "Vorhangfassade" an Turm und "Podium" am Ende sogar 14 Tage schneller fertig als geplant.
Auf den Straßen Süd-Ost Taipehs, einem mehrere Hektar großen Areal vormaliger Reisfelder, auf dem seit knapp zehn Jahren die Hochhauspaläste der Banken und Finanzdienstleister in die Höhe wachsen, hat man das kaum zur Kenntnis genommen. Auch Taipei ist eine Stadt der extremen Widersprüche, wie sie in allen asiatischen Boomtowns, am krassesten in Hong Kong, zu finden sind. Man ist an Rekorde, an Glitzerfassaden und westliche Megabauten mittlerweile gewöhnt, weil sich auch sonst fast alles geändert hat.
Taipeis Jugend findet zur Zeit Motorroller und dazu die phantasievollsten Helme angesagt, und wartet unter und auf beidem in Zehner-Blocks selbstbewusst in den ersten Reihen an den Ampeln - vor den Luxuslimousinen aus Untertürkheim. Abends, wenn die bunten Neonreklamen und überdimensionalen Bidschirmscreens die Nacht zum Tage in und um die luxuriösen Shopping Malls machen, geht man aber gerne ganz traditionell Sushi essen. Zum Beispiel in den Fresstempel Jogoya im Shopping-Center "Neon 19" unweit von Taipei 101, wo Meeresfrüchteküche auf höchstem Niveau zelebriert wird.
Culture-Clash - Zusammenprall verschiedener Kulturen - ein Symbol dafür ist auch Taipei 101. Das Gebäude ist natürlich komplett Feng Shui-korrekt. Es ist nach Süden ausgerichtet, die negative Energie einer von Osten auf das Gebäude zulaufenden Allee wurde durch ein vorgebautes Wasserbecken neutralisiert.
Die Architektur des Riesen erinnert an einen gewaltigen Bambus, der nach traditionellem Denken für Schlankheit und Stärke steht - selbst Baugerüste werden in China nicht aus Stahl sondern aus Bambus gefertigt. Die im Sonnenlicht opal leuchtenden Fassadenelemente von Taipei 101 kragen alle acht Stockwerke aus und an den Ecken jedes achten Bürotraktes, wie zum Abschluss eines Bambus-Gelenkes, sind außen mehrere Tonnen schwere Edelstahlplaketten, die Pflanzenornamente oder auch stilisierte Glücksdrachen darstellen, angebracht.
Am 12.11.2003 ist Hong-Ming Lin auch aus allen diesen Gründen ein glücklicher Mann. Der Rohbau des Turms steht, der Rest ist Innenausbau und schon zu 30 Prozent an die internationale Kundschaft vermietet. Der mittelalte Herr mit der Bonzenfigur im Edelzwirn führt die Besucher stolz durch die kurz vor der Eröffnung stehende 60 Meter hohe Halle der neuen Shopping Mall und bittet zur Kaffeepause. Herr Lin strahlt im Auftrag, denn er ist Präsident der Taipei Financial Center Corp. und hat für seine 14 Aktionäre - Banken, Fonds und Versicherungen aus der Region - rund 1 Milliarde Euro Gesamtinvestitionsvolumen (15 % davon kriegt Gartner) verbauen lassen.
"Bringing Taipei to the world!"
"Bringing Taipei to the world !" laute das selbstbewusste Motto des Baus, so Lin.
Taiwan, das vormalige Formosa, 1947 als "Republik China" gegründet, wird seit dem Veto Chinas in der UNO 1971 die Eigenständigkeit aberkannt. Der Tigerstaat bemüht sich umso mehr um wirtschaftliche Anerkennung, da kommt der Turmbau zu Taipei auch nach dem Willen von Staatspräsident Chen Shui-Ban für das nationale Selbstbewusstsein gerade recht.
Der Bambus von Taipei 101 soll für den Weltanspruch der Wirtschaft des Inselstaates stehen, seine Rekordhöhe für politischen wie wirtschaftlichen Weitblick.
"Aus rein rationalen Gründen würde niemand einen solchen Turm bauen", sagt dazu nur leise lächelnd Architekt C.P. Wang. Natürlich wird er immer wieder gefragt, was wäre wenn, wenn sich ein 11. September wiederholen würde. Wang verweist dann auf die acht massiven Stützpfeiler alle sechs Meter im Geschossinnern, die Zusatz-verstrebungen des Bauskeletts oder ebenfalls über den Normanforderungen liegende zusätzliche Fluchträume und anderes mehr.
Ein Taiwanese, der am 12.11.2003 vielleicht durch ein windschiefes Holztörchen seinen inmitten der um ihn herum aufragenden Hochhäuser und des neuen Weltrekordturms liegenden kleinen Schrebergarten betritt - groteskerweise hat die Stadtverwaltung einige Streifen Gründlandes im neuen Vorzeigeareal so belassen, wie sie waren - könnte statt all dem an zweierlei gedacht haben.
Zum Einen daran, dass ihn ab spätestens Herbst 2004 die schnellsten Aufzüge der Welt mit 60 km/h hinauf auf die Aussichtsplattform im 89.Stock von Taipei 101 bringen werden. Und zum Anderen beim Blick ganz nach oben: Die Fassade ist alle acht Stockwerke unterteilt, das Ganze 508 Meter hoch. Das wird sich für unseren Kleingärtner nicht schlecht ansehen. Denn die "8" steht nach traditionellem chinesischem Glauben für Glück und Gelingen.
Dann, im Herbst 2004, werden Stephan Eberle und die anderen Gartner-Kollegen schon längst an neuen Skyscrapern bauen. Und der Rekord wird fallen. Unklar ist nur wo, ob in Dubai, Dakar oder Shanghai.
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